Bewegungssehen

22. März 2017 B 0

Bewegungssehen (movement vision), visuelle Wahrnehmung einer Bewegung; wenn mit einer bestimmten Absicht verbunden, spricht man von Bewegungsbeobachtung. Bis zu 95 Prozent der Umwelteindrücke werden im Sport über das Auge aufgenommen. Bewegungssehen wird aber hier weniger als ein „Hinsehen“ verstanden, sondern als eine spezifische, stark mit der Sportart verwurzelte Fähigkeit. Sie dient der Erkennung von Größe, Farbe, Gestalt, von Bewegungsrichtung und Bewegungsgeschwindigkeit scheinbar oder tatsächlich bewegter Objekte oder Körper. Dabei wird das Sehen der Eigenbewegung von dem der Fremdbewegung unterschieden. Besonders Sportarten, die sich durch hohe (Spiel-) Geschwindigkeit und (Situations-) Komplexität auszeichnen, stellen höchste Herausforderungen an die Bewältigung von hochkomplexen sehmotorischen Koordinationsleistungen (Jendrusch et al. 2016).

Im (Becken)Schwimmen sind die Anforderungen weitaus geringer, wobei das periphere Sehen während des Wettkampfes hilft, die Gegner zu kontrollieren ohne den Kopf heben und damit das Schwimmen unterbrechen zu müssen (beim Geradeausblick kann ein Winkel von 190° erfasst werden). Bewegungssehen ist aber auch für den Trainer vorteilhaft, wenn er im Techniktraining durch ständige Rückinformation (→Feedback) den Erfolg seiner Bemühungen einschätzen und zielgerichtet korrigieren kann. Das „analytisch -differenzierende Trainerauge“ erkennt sofort Abweichungen von der Bewegungsvorstellung (→Leitbild). Grundsätzlich sollte ein „Training des Bewegungssehens“ möglichst exakt den sportartspezifischen Anforderungen entsprechen. Dem genügen viele so genannter „(Sports) Vision Trainings“ nicht. Es konnte bisher auch nicht wissenschaftlich belegt werden, dass die Sportler von den Übungen profitieren. Grundvoraussetzung für optimale sportliche Leistung bleibt aber die (wenn notwendig) optimale optische Korrektion (Pressemitteilung BFA vom 2.06.2012: http://cms.augeninfo.de/hauptmenu/presse/aktuelle-presseinfo/pressemitteilung/article/visueller-mehrkaempfer-im-sport-durch-training.html, Zugriff am 24.11.2018). Inzwischen ist der Sehtest als Zusatzuntersuchung in das Programm der Sportärztlichen Untersuchung im DOSB aufgenommen worden und für einige Verbände (z.B. Schützen) verbindlich.

Beispiel: Der Landesvielseitigkeitstest fordert u.a. die Schwimmtechnik einzuschätzen. Da den meisten Trainern dazu nicht die modernen Diagnosemethoden zur Verfügung stehen, müssen sie die Technik mit ihren Eindrücken beschreiben. Wenn sie dann noch, wie in der Praxis üblich, nur wenige Sekunden Zeit haben, dann empfiehlt sich, dieses Bewegungssehen zu schulen. Grundlage hierbei ist die Bewegungslehre. So sollten bestimmte Schwerpunkte nacheinander beobachtet werden: z.B. Wasserlage, Arme, Beine, Atmung, Koordination. Wenn das über Jahre gemacht wird, dann hat sich ähnlich wie beim Wassersprungtrainer, der „Blick für die Technik“ entwickelt.

Exkurs: „Eine Studie ergab, dass etwa 40 Prozent der Fehlsichtigen in allen Leistungsklassen ihren Sport unkorrigiert betreiben. Der Einfluss geminderter Funktionen des Sehorgans auf die sportliche Leistung wird auch heute noch weltweit unterschätzt. Ein Trainer lässt einen Hochspringer oder Hürdenläufer bei Misserfolgen eher ein Kraft-, Konditions- oder Techniksondertraining absolvieren, bevor er dessen Sehfähigkeit untersuchen lässt, die in vielen Fällen an der Minderleistung schuld ist. Wir konnten die weitverbreitete Meinung widerlegen, nur in der Lernphase einer Sportübung habe das Sehorgan eine Kontrollfunktion, in der Phase danach, wenn die Übung „automatisch“ (über die subkortikalen grauen Zentren) abläuft (Automatisationsphase), sei das Auge von untergeordneter Bedeutung: Bei einem Experiment überquerten von fünf Weltklasse-Hürdenläufern mit verbundenen Augen zwei die erste, drei die zweite, keiner die dritte Hürde…Das Auge kontrolliert stets Bewegungen unabhängig von der Perfektion des Sportlers.“ (Schnell, D. 1999: Wieviel Auge braucht der Sport? (https://www.aerzteblatt.de/archiv/16477/Wieviel-Auge-braucht-der-Sport, Zugriff am 25.11.2018)

„Evolutionär betrachtet ist das Bewegungssehen eine unserer wichtigsten Fähigkeiten – die Menschen hätten sich kaum so erfolgreich auf der Erde verbreitet, wenn sie bewegte Objekte nicht wahrnehmen könnten. Eine integrative Glanzleistung des Gehirns.“ Julia Groß (https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/sehen/immer-bewegung)

Mehr zum Thema: s.o. (https://www.aerzteblatt.de/archiv/16477/Wieviel-Auge-braucht-der-Sport)

 

 

 

 


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