Kapazität, anaerobe

06. August 2020 K 0

Kapazität, anaerobe (anaerobic capacity), die Summe aller Arbeitserträge der energiereichen Phosphate (ATP, KP)  und der Laktatbildung. Die anaerobe Kapazität ist in der Leistungsdiagnostike schwieriger zu erfassen als die aerobe Kapazität. „Eine wesentliche Ursache hierfür ist, dass alle für die Stoffwechselprozesse benötigten Substrate in der Muskelzelle vorliegen und diese nur durch aufwendige Verfahren, wie z. B. muskelbioptische Analysen und 31PMR-Spektroskopie (Erkennen der kleinsten Bauteile wie Ionen, Atome, Moleküle) direkt gemessen werden können. Die Bestimmung von Zwischen- und Endprodukten, wie z. B. Laktat, Brenztraubensäure u. a. im peripheren Blut lässt nur indirekte Aussagen aufgrund der komplexen Dynamik der Diffusions- und Eliminationsprozesse zu“ (Heck & Schulz, 2002). Vorauszusetzen ist eine Belastungsintensität über der maximalen Sauerstoffaufnahme, um den aeroben Anteil der Energiebereitstellung weitgehend einzuschränken. Niedrige Parameter sind oft dem unbefriedigendem Leistungsvermögen des Sportlers geschuldet und führen zu Fehleinschätzungen (Rushall, B.: ICAR 1990-91 Report). Zudem sind zuverlässige Aussagen zur lokalen anaeroben Leistungsfähigkeit der Muskulatur nur durch spezifische lokale Belastungen möglich (Nitzsche et al. 2018).

Die anaerobe Kapazität kann auch bei Kindern gesteigert werden, allerdings ist die Laktatkonzentration wegen der relativen Muskelmasse geringer als bei Erwachsenen. Bei vergleichbarer muskulärer Ausbelastung erholen sich Kinder entgegen bisheriger Auffassung schneller. Das ist auf eine effektivere respiratorische Kompensation der metabolischen Azidose und eine schnellere Resynthese von Kreatinphosphat und ATP zurückzuführen (Beneke, 2019).

Im Schwimmen ist die anaerobe Kapazität eine wichtige Voraussetzung für Strecken von 50-200m (Vojtenko & Solomatin,  2018). Sie wird im Stufentest durch die maximale Laktatauslenkung nach der Ausbelastung (maximale Stufe im Stufentest) gewertet (→Mobilisation), wobei aber hier beachtliche Anteile der aeroben Kapazität mit eingehen. Es scheint, dass Junioren im Schwimmen ihre anaerobe Kapazität in einem größeren Ausmaß ausnutzen als die Juniorinnen. Schwimmer sind oft entweder aerobe oder anaerobe orientiert (veranlagt). Während beide Systeme durch Training verbessert werden können, konzentrieren sich verschiedene Schwimmer oft auf ein System, möglicherweise zu Lasten der Entwicklung des anderen (Mitchell et al. 2014). Statistische Analysen der Leistungsentwicklung in Laufdisziplinen über 10 Jahre zeigen einen Rückgang der anaeroben Kapazität bei Spitzensportlern (Morton, 2014).

Exkurs: Japanische Sportwissenschaftler ließen 20 Hochschulschwimmer Distanzen von 50/100/200/400m maximal schwimmen. Die Regressionsgerade zwischen Distanz und Zeit zeigte einen deutlichen Zusammenhang mit verschiedenen Indizes der anaeroben Kapazität (u.a. Laktat). Das Konzept der kritischen Geschwindigkeit stelle damit einen guten Index der anaeroben Kapazität dar ohne invasive (in Körper eingreifende) Messungen einsetzen zu müssen (Shimoyama et al. 2010). Damit widerlegen die Autoren die Auffassung, dass der y-Schnittpunkt der Regressionslinie zwischen Strecke und Zeit keine reliable Bewertung der anaeroben Kapazität liefern würde (Dekerle et al. 2002). Über eine Modellierung (50-m-Maximalschwimmen mit Gleichungskoeffizient, der die Klassifikation des Schwimmers bestimmt) sagten Issurin et al. (2001) die Geschwindigkeitsregimes für die Entwicklung der hauptsächlichen biomotorischen Komponenten als nichtinvasive Methode voraus.


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