Laktat

12. Juni 2017 L 0

Laktat (lactate), lat. lactis „Milch“; fälschlich als Milchsäure bezeichnetes Dissoziationsprodukt (Dissoziation = Aufspaltung einer chemischen Verbindung) derselben im Blut. Im Ergebnis der Glykolyse entsteht als Endprodukt des anaeroben Stoffwechsels Laktat:

ADP + Glukose (Glykogen) → ATP + Laktat

Laktat kann bei Belastung über die Glukoneogenese wieder zu Glykogen resynthetisiert werden, die Glykolyse wird quasi rückwärts durchlaufen. Durch hohe Konzentration von Laktat im Blut fällt die Wasserstoffionenkonzentration (→pH-Wert) ab. Sinkt der pH-Wert in der Muskelzelle unter 6,4, dann wird die Energiebildung gehemmt (Hottenrott & Neumann, 2010, S. 64). Müde in dem Sinne macht also nicht Laktat, sondern die Wasserstoffionen, welche die Aufnahme von Kalzium hemmen, das wiederum benötigt wird, um frische Energie aus Adenosintriphosphat (ATP) freizusetzen.

In der Leistungsdiagnostik ist Laktat ein wesentlicher Parameter zur Erfassung der Belastungsintensität und damit zur Trainingssteuerung, der sich auch wegen der preiswerten und unkomplizierten Bestimmung durchgesetzt hat, obwohl die „monokausale Diagnostik durch Parametereinengung (eben nur auf Laktat) im Hochleistungssport unzuverlässig ist und die Möglichkeiten der Fehleinschätzung zur Wirksamkeit des Trainings erhöht“ (Neumann, Berbalk & Gohlitz, 1999). Aber Mangel an Geld, Zeit und Personal führen immer wieder zum Kompromiss. Im Ruhezustand beträgt die Laktatkonzentration im Blut um 1,0 mmol/l (→Ruhelaktat) und kann bei Wettkämpfen bis auf 24 mmol/l im Schwimmen ansteigen (→Wettkampflaktat). Laktat wird aktiv besser abgebaut als passiv. Deshalb wird nach Wettkämpfen oder intensiven Trainingseinheiten Schwimmen um 1000m im Kompensationsbereich (→Ausschwimmen) empfohlen. Die Messung erfolgt heute mittels Laktatanalysern und kann vom Trainer vorgenommen werden, wozu aber eine Einweisung durch medizinisches Personal (und bei Minderjährigen die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten) vorauszusetzen ist. Die Ergebnisse unterliegen physiologischen Schwankungen (bis 10%), sind aber im individuellen Längsschnittvergleich und bei Kenntnis der Einflussfaktoren (Sportliche Form, Glykogenspeicher (→Glykogendepletion), muskuläre Ermüdung, Muskelfaseransteuerung, Außentemperatur) auch unter 10% Messwertdifferenzen signifikant. Selbst zwischen den Orten der Abnahme des Kapillarblutes (Ohrläppchen oder Fingerbeere) bestehen Unterschiede (Lucki u.a. 2005). Die Laktatkinetik ist ein wesentlicher Bestandteil der Trainingssteuerung. Sie bleibt aber eine Gradwanderung zwischen Wissenschaftlichkeit und Scharlatanerie. Neuere molekulare und biochemische Techniken führten Brooks und Mitarbeiter (2000) zu folgenden Erkenntnissen:

  • Dies ist zunächst die Ablösung der Sauerstoff-Mangeltheorie, nach der eine unzureichende Sauerstoffversorgung auf muskulärer Ebene für die Laktatproduktion ursächlich sein sollte. Hier sind alternative Mechanismen zu nennen, wie zum Beispiel der Einfluss von Enzymen oder Hormonen.
  • Der Skelettmuskel wird nicht mehr allein als Ort der Laktatproduktion sondern auch der Laktatelimination gesehen (Laktateliminierungsrate).
  • Eine bedeutende Rolle kommt der Glykoneogenese aus Laktat zu, die unter anderem von der Faserzusammensetzung der Muskulatur (Muskelfaserstruktur) abhängig ist.
  • Der Laktattransport über die Zellebene hinaus wird heute nicht mehr auf Diffusionsvorgänge zurückgeführt, sondern auf ein differenziertes Transportsystem auf Proteinbasis („monokarboxylat-transporter“).
  • Insgesamt ist der Laktatstoffwechsel mit Laktatproduktion, -verteilung und -elimination ein komplexer Mechanismus, bei dem nicht nur die Muskulatur, sondern weitere Organe und Strukturen eine wichtige Rolle spielen, die in der Laktat Shuttle Theorie“ zusammengefasst werden (Gladden, 2000).

Exkurs: Abschließend nochmals zur „Entzauberung eines Fetischs“: „Laktatwerte spiegeln nur wieder, was im Blut ist. Wir wissen nicht, was in der Muskulatur passiert. Einige Menschen transportieren das Laktat viel schneller aus dem Muskel als andere. Außerdem ist es ungeeignet zur Steuerung des Trainings, weil man nicht ständig seine Blutwerte zur Hand hat. Auch Pulswerte variieren von Mensch zu Mensch. Es gibt nicht das eine Trainingsrezept für alle. Und die Werte, die in der Fachliteratur angegeben sind, sind immer nur Richtungswerte.“ (Bloch, Biochemiker der DSHS Köln im Interview mit SPIEGEL-ONLINE am 18.10.2013). Mit diesen „Richtwerten“ steuern aber erfahrene Trainer seit Jahrzehnten erfolgreich das Training, weil sie wesentliche Zusammenhänge kennen, wie die Leistung zustande gekommen ist. „Bei allen Bemühungen, das Training anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen zu steuern, ist es aber auch das implizite Wissen eines Trainers, welches entscheidend zum Erfolg beiträgt, sich aber gleich wie die physio-psychologische Dynamik des Athleten als nicht quantifizierbare Variable den wissenschaftlichen Erklärungsmodellen entzieht.“ (Holfelder & Bubeck, 2012, S.37). Laktat bleibt ein wichtiges Instrument zur Diagnose der sportartspezifischen Ausdauerleistungsfähigkeit (Faude et al. 2009), dessen Aussagekraft besonders durch Längsschnittuntersuchungen bei konstanten Rahmenbedingungen erhöht wird (Maasen & Schneider, 2011, S.96).

 

Mehr zum Thema: http://www.sgsm.ch/fileadmin/user_upload/Zeitschrift/60-2012-1/Muskelfaser_1_2012_Holfelder.pdf  und  http://www.zeitschrift-sportmedizin.de/fileadmin/content/archiv2011/heft04/pdf_04_2011/uebersicht_maassen_final_bg.pdf (Zugriff am 20.08.2016)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.