Lernen, differenzielles

11. März 2020 L 0

Lernen, differenzielles (DL) (differential learning), (lat. differentia „Verschiedenheit, Unterschied); Bewegungslernen kann als gezielte und extern unterstützte Ausbildung zentralnervöser Bewegungsprogramme oder auch als Selbstorganisationsprozess verstanden werden. Das differenzielle Lernen ist ein aus der Systemdynamik (Kugler, Kelso & Turvey, 1982) und Synergetik (Haken, 1964) abgeleiteter Lernansatz, wonach es gelingt, durch konstruktiven Einfluss von Schwankungen auf die Entwicklung und Stabilität adaptiver (sich anpassender) Systeme Nutzen aus den Abweichungen zu ziehen. Dabei wird Variabilität nicht mehr als im Grunde destruktiv störend interpretiert, sondern vielmehr konstruktiv als eine Notwendigkeit für Adaptation. In die Sportpraxis wurde dies mit dem differenziellen Lernansatz im engeren Sinne transferiert. Hierbei werden mit den Grundsätzen „keine Wiederholung“ und „keine Korrektur“ die auftretenden Schwankungen vergrößert, um das System gegen vermeintliche Störungen stabiler zu machen (Hegen & Schöllhorn, 2012, S.18). Einfach gesagt, aus Fehlern werden Schwankungen und ein allgemeines Technikleitbild wird infrage gestellt. Nach Aussagen der „Erfinder“ überzeugt der differenzielle Lernansatz in Studien sowohl in der Sportpraxis als auch im Bereich der Physio- und Ergotherapie (Schöllhorn et al. 2015). →Fehlerkorrektur

Dementgegen sehen Künzell & Hossner (2012) im differenziellen Lernen kein bewegungswissenschaftliches Konzept. Besonders die Forderungen nach völligem Verzicht auf Rückmeldungen oder der Maximierung von Differenzen zwischen unmittelbar aufeinander folgenden Übungen seien objektiv falsch oder weder theoretisch noch empirisch begründet. Damit reduziere sich der von den Vertretern des DL geleistete Beitrag zur Sportwissenschaft darauf, für ein altbekanntes Phänomen ein neues Etikett gefunden und dieses extensiv in der Welt der Sportpraxis verbreitet zu haben.  Es sind weitere, empirisch abgesicherte wissenschaftliche Untersuchungen erforderlich, um den Ansatz des differenziellen Lehransatz gegenüber dem informationsverarbeitenden Ansatz abzugrenzen und auf die Sportpraxis zu übertragen.

Exkurs: Warum nicht das eine tun ohne das andere zu lassen? Natürlich spielt die Anteiligkeit der Methoden eine Rolle, ob im Schul-, Breiten- oder Leistungssport gelehrt wird. Ich kann dem Schwimmanfänger sagen, versuche bis zur gegenüberliegenden Wand zu kommen und wenn er die Strecke „hundelnd“ bewältigt, ist das erst einmal in Ordnung. Wenn er ertrinkt, haben wir zu viel „geschöllhornt“. Im Leistungssport streben wir bestimmte Zieltechniken an, die zudem noch durch Wettkampfbestimmungen eingegrenzt sind. Wenn Kraulen erlernt werden soll, dann ist für die gesamte Wasserlage eine richtige Beinbewegung wichtig. Deren Effektivität setzt aber Konditionierung voraus, das heißt wiederum stetes Wiederholen („Einschleifen“). Der Lernende bekommt bestimmte Knotenpunkte der Bewegung mit auf den Weg (z.B. „Füße nicht als Hungerharken“), findet aber selbst über „Versuch und Irrtum“ den richtigen Abdruck.

„Man steigt nie in denselben Fluss“ Chinesisches Sprichwort

Mehr zum Thema:

  • https://www.dr-gumpert.de/html/differenzielles_lernen.html  (Zugriff am 11.03.2020)
  • Schöllhorn, W. I. (2010), Differenzielles Lernen im Schwimmen – eine Alternative? In: Schwimmen, Lernen und Optimieren, Schriftenreihe Deutsche Schwimmtrainer – Vereinigung, 31, 7-22.
  • Schöllhorn, Henz & Horst (2018). Differenzielles Lernen als Turbo für Körper und Gehirn. DSTV-reihe Bd. 40, 7-20
  • http://www.springermedizin.de/differenzielles-lehren-und-lernen-eine-kritik/3048728.html (Zugriff am 23.08.2016)
  • Emrich, S. (2011). Differenzielles Training zur Optimierung der Feinkoordination im Schwimmsport. Der Schwimmtrainer, 98, 60-63
  • Kleinert, J. (2012). Differentielles Lernen am Beispiel des Schrittstarts. DSTV-Reihe, Bd. 33, 119-125


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