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Begriff

Talentprognose

Talentprognose (talent predication), Vorhersage des individuell erreichbaren höchstmöglichen Erfolges von talentierten Kindern in einer ihrer Begabung entsprechenden wissenschaftlichen, handwerklichen, musischen oder sportlichen Disziplin.

Talentprognose ist im Rahmen der Talentauswahl so notwendig wie unvollkommen und umstritten. Die Spanne geht von der systematischen Auswahl nach  „Eignungsmerkmalen“ („ESA“ in der DDR) bis zur Auffassung, dass sich biologische Systeme einer Prognostizierbarkeit generell entziehen (Cramer, 1988). Prognosen setzen konstante Einflussfaktoren voraus. Diese sind aber in der Entwicklung der jungen Schwimmer kaum gegeben, die flexibel, eigendynamisch und nicht linear verläuft. Die Merkmale des Talents werden in der Regel von den Entwicklungsverläufen erfolgreicher Schwimmer abgeleitet (→Leitbild). Ihre Prognostizierbarkeit schließt aber eine beachtliche Fehlerquote ein. Die meisten wissenschaftlichen Untersuchungen zur Prognostizierbarkeit sportmotorischer Leistungen gelangten zu dem Schluss, dass eine wissenschaftlich begründete Talentprognose nicht möglich ist. „Die praktische Bedeutung der Talentprognose liegt darin, eine hohe Fehlerquote dann zu akzeptieren, wenn es gelingt, am Ende eines langen Förderprozesses in einer großen Stichprobe die wirklichen Talente zu erkennen“ (Joch, 2001).  Bei einigen besonders genetisch determinierten Merkmalen (→Körperhöhe, →Muskelfaserstruktur) ist die Prognose recht sicher, das trifft auch auf so genannte „Negativprognosen“ (Carl in Röthig & Prohl, 2003, S. 581) zu wie „zu klein, zu schwer, kein Wassergefühl“ usw.

Exkurs: Die Erkenntnis, dass bei der Talentprognose nichtlineare Prognoseverfahren (Neuronale Netzwerkmethode) sich gegenüber klassischen mathematisch-statistisch linearen Ansätzen (Diskriminanzanalyse) überlegen zeigten (Hohmann, 2009, S.230), hilft dem Trainer am Beckenrand erst einmal wenig. Aber er muss entscheiden. In der Vereinspraxis ist immer noch der effektivste Weg: Beschäftige viele geeignete Kinder, die „natürliche Auswahl“ wird’s schon richten. Aber vielleicht gibt die Wissenschaft dem Praktiker doch einige Hinweise, wohin er genau gucken soll, um den Prozess zu optimieren.  Eine höhere frühe Leistung in einem Bereich ist mit größerer disziplinspezifischer Praxis, weniger multidisziplinärer Praxis und schnellerem frühzeitigem disziplinspezifischem Leistungsfortschritt verbunden. Im Gegensatz dazu ist weltklasse Leistung in einem Bereich bei hohen Leistungsniveaus von Erwachsenen mit weniger disziplinspezifischer Praxis, mehr früher multidisziplinärer Praxis und allmählicher, disziplinspezifischem Fortschritt verbunden. Nach einer Literaturanalyse über die Entwicklung von mehr als 34.000 erwachsenen internationalen Spitzenkünstlern (vom Olympiasieger bis zum Nobelpreisträger) erklären Güllich et al. (2025) höhere frühe Leistung in einem Bereich mit größerer disziplinspezifischer Praxis, weniger multidisziplinärer Praxis und schnellerem frühzeitigem disziplinspezifischem Leistungsfortschritt. Im Gegensatz dazu ist weltklasse Leistung in einem Bereich bei hohen Leistungsniveaus von Erwachsenen mit weniger disziplinspezifischer Praxis, mehr früher multidisziplinärer Praxis und allmählicher, disziplinspezifischem Fortschritt verbunden. Talentsuche

Schwimmlexikon-Talentprognose
Abb.: Prozesscharakter und Einheit von Talentdiagnose und – förderung (nach Hohmann www.uni-bayreuth.de/sport)

Die Chancen, im Sport ein hohes Niveau zu erreichen, sind gering. Athleten müssen die richtige Veranlagung mitbringen, „hungrig“ sein, bereit sein, sehr hart zu arbeiten, ihr Leben um den Sport herum organisieren und mehr als nur ein bisschen Glück auf ihrer Seite haben. (Foster et al. 2022).

 

Quellen

  • Cramer, F. (1988). Chaos und Ordnung. Die komplexe Struktur des Lebendigen. Stuttgart: Dt. Verlagsanstalt Zur Quelle
  • Foster, Barroso, Beneke, Bok, Boullosa, Casado, Chamari, Cortis, de Koning, Fusco, Haugen, Lucía, Mujika, Pyne, Rodríguez-Marroyo, Sandbakk & Seiler (2022). How to succeed as an athlete: what we know, what we need to know. International Journal of Sports Physiology and Performance, 17 (3), 333-334. Zugriff am 22.11.22 unter https://doi.org/10.1123/ijspp.2021-0541 DOI Zur Quelle
  • Güllich, Barth, Hambrick & Macnamara (2025). Recent discoveries on the acquisition of the highest levels of human performance. Science, 390 (6769), Zugriff am 20.01.2026 unter https://doi.org/10.1126/science.adt7790 DOI Zur Quelle
  • Joch, W. (2001). Das sportliche Talent. Aachen: Meyer Zur Quelle
Überarbeitet am 20. Januar 2026Autor: Klaus Rudolph