Talentauswahl

13. Juni 2024 T 0

Talentauswahl (talent selection), Entscheidung am Ende einer Sichtung (Talentsuche) über das weitere Training im Rahmen bestimmter Fördermaßnahmen (Leistungsgruppe, Kaderstatus, Lehrgang, Sportschule usw.). Talentauswahl ist kein einmaliger Vorgang und kann in jedem Ausbildungsabschnitt neu erfolgen. Grundlage sind die Vorstellungen vom „Talent im Schwimmen“ (Talent, Leitbild), die allerdings in praxi nur an motorischen Tests und anthropometrischen Daten (→Anthropometrie) festgemacht werden. Wichtige genetische Indikatoren, wie der individuelle Metabolismus (→Stoffwechsel) von Kindern, bleiben weitgehend unberücksichtigt (Reiss, Tschiene & Pfützner, 1997). So spielt das „Auge des erfahrenen Trainers“ (Hagedorn, 1995) bei der Auswahl von Talenten immer noch die maßgebliche Rolle. Ferner sind der bisher absolvierte Trainingsumfang (→ „Trainingsalter“), das biologische Alter und das soziale Umfeld zu beachten. Leistungsauffälligkeit allein reicht im Kindesalter nicht aus (Rudolph, 2011). Der unzureichende Wissensstand gebietet, nie zu hart (eng) zu selektieren. Dabei geht es immer um die „Geeigneten“ (Eignung) und nicht um die „Besten“. Die Ergebnisse einer Meta-Analyse (Barth et al. 2024) deuten darauf hin, dass die Leistung der Junioren, wenn überhaupt, nur einen sehr geringen Vorhersagewert für die Leistung der Senioren hat. Damit stehen diese Ergebnisse im Widerspruch zu den Behauptungen der traditionellen Theorien über Begabung und Fachwissen. Aus angewandter Sicht beginnt die Talentauswahl in der Regel um die Pubertät herum oder in jüngeren Altersgruppen, in denen die Leistung in der Jugend nicht oder negativ mit der späteren Leistung in der Oberstufe korreliert ist. →Selektion, →Vererbung, →Muskelfasertypen, →Genomforschung

Das Talent des Schwimmers erkennt man im Wasser. Leistungstests an Land (z.B. Landesvielseitigkeitstest) sind keine guten Prädiktoren für World Aquatics Punkte und sollten eher zur Beurteilung der Trainingsqualität (Leistungsvoraussetzungen) und zur Überwachung von Verletzungsrisiken verwendet werden (Selvamoorthy et al. 2024).

Hinweise an den Trainer zur Talentauswahl (Auszug aus Rudolph et al. Nachwuchskonzeption Schwimmen des DSV 2010, S.55):

  • Es gibt kein Konzept, keine Tests, die auf Anhieb das Talent sichtbar machen. Halte die Augen offen, schau Dir erfolgreiche Schwimmer an, wie sie aussehen und mit dem Wasser umgehen. Talent ist immer noch, wer vom Trainer als solches erkannt wird.
  • Schwimmer erhalten ihre Anlagen und Prägung in der frühen Kindheit durch die Eltern [1]. Kennst Du sie?
  • Je weniger wir wissen, umso mehr müssen wir der „natürlichen Auswahl“ („Wachsenlassen“) das Feld überlassen. Das setzt eine große Basis im Sinne einer „Kaderpyramide“ voraus.[2]
  • Registriere aufmerksam Wachstum und Trainingsdaten Deiner Aktiven, um die sportliche Leistung (Trainierbarkeit) realistischer werten zu können.
  • Beachte die Einheit von Talent und Förderung (Erbeigenschaften und Umwelt). Manches „Supertalent“ ist zunächst nur das Produkt überehrgeiziger Eltern oder verkümmert bei zu geringer Förderung.
  • Sichere immer ein vielseitiges Training, das sowohl dem zukünftigen Sprinter als auch dem Langstreckler eine Entwicklungschance gibt und alle Schwimmarten berücksichtigt.
  • Sichere ein interessantes und freudbetontes Training und Erfolgserlebnisse. Was nutzt Dir das Talent, wenn es keine Lust mehr hat.
  • Talente sind oft sensibel wie Rennpferde, deshalb sichere immer die Balance zwischen Belastung und Erholung. Im Krankenbett schwimmt sich schlecht.
  • Talentauswahl heißt auch, weniger talentierte Sportler nicht mehr in Gruppen des Leistungssports zu fördern. Eine solche Maßnahme wird oft noch als „inhumaner Akt“ gegeißelt. Mache deshalb Sportler und Eltern bewusst, dass sich die Mühen im Leistungssport (Doppelbelastung Schule und Sport) nur lohnen, wenn sie zu sportlichen Erfolgen führen. Überprüfe, ob das Kind in anderen Sportarten bessere Entwicklungschancen hat und stelle Kontakt zu geeigneten Trainerkollegen und Vereinen her.  (Talenttransfer)[3] oder orientiere das Kind auf eine Breitensportgruppe, denn Schwimmen aus Spaß und im Interesse der Gesundheit kann man dort vielleicht noch besser praktizieren.
  • Sei vorsichtig mit Prophezeiungen („künftiger Olympiasieger“), besonders gegenüber Eltern und Funktionären. Sie werden darauf zurückkommen.

Auszug der Grobkonzeption vom BMI und DOSB vom November 2022: Aufbauend auf einer deutlich gestärkten Rolle von Sport und Bewegung in Kita und Schule werden Möglichkeiten der Unterstützung geprüft, damit die Talentsichtung und entwicklung in den Ländern auf eine systematische Grundlage gestellt wird. Das betrifft sowohl die Zusammenarbeit der Akteure im organisierten Sport untereinander als auch zwischen und mit den Zuwendungsgebern. Der organisierte Sport wird mit Unterstützung des BMI auf die Länder zugehen, um für nachhaltige Fortschritte im Schulsport zu werben“ (https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/nachrichten/2022/neue-wege-gehen.pdf;jsessionid=466C4013B27C274EDEB74D6F237C96C2.2_cid350?__blob=publicationFile&v=2- Zugriff 29.11.22)

Mehr zum Thema:  – http://www.mobilesport.ch/wp-content/uploads/2011/02/Manual_Talentdiagnostik_und_-selektion_230309.pdf – Zugriff 30.11.22

https://schwimmverband.at/fileadmin/OSV/Dokumente/Verband/MedArtikel/athletenkarriere_aus_perspektive_ueber_die_gesamte_lebensspanne.pdf – Zugriff 30.11.22

Exkurs: Der australische Schwimmtrainer und ‑forscher Brian Blanksby erzählte 1980 folgende Anekdote über die Auswahl von Talenten im Schwimmsport: „Die erste Talentselektion erlebte ich in der Schule. Als die Klasse in das Schwimmbad marschierte, stand der Trainer bei der Tür, schaute auf den Boden und nahm verschiedene Leute aus der Reihe – diejenigen, die beim Gehen die Füße nach außen stellten. Er ließ sie sich auf das Brustschwimmen konzentrieren. Die Schule war in Wettkämpfen im Brustschwimmen immer sehr erfolgreich“.

[1] Bei Kindern herausragender Sportler besteht zu 50% die Wahrscheinlichkeit, dass sie die exzellenten sportlichen Fähigkeiten ihrer Eltern geerbt haben. Waren beide Elternteile herausragende Sportler erhöht sich die Wahrscheinlichkeit auf 75% (Sergijenko, 2000).
[2] „Aufgrund der hohen Prognoseunsicherheit sollten die Entwicklungskorridore bis zur Pubertät breiter angelegt sein und erst danach spitz/tropfenförmig zulaufen. Um der individuell unterschiedlichen Entwicklung gerecht zu werden, erscheint es sinnvoll, diese in „Jahren bis zur Spitze“ statt anhand des chronologischen Alters zu definieren“ (IAT-Empfehlungen 2013)
[3] „Der Weg des späteren Einstiegs und eines systematischen Talenttransfers muss ergänzend zum langfristigen Leistungsaufbau in einer Sportart berücksichtigt werden und bedarf einer systematischen Koordinierung und Steuerung“ (DOSB-Nachwuchsleistungssportkonzept) 2020).

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