Prognose

16. März 2022 P 0

Prognose (prognosis), Vorhersage eines Ereignisses (z.B. Wetterprognose), Zustandes oder einer Entwicklung (z.B. Finalzeiten, →Karriere). →Talentprognose, →Rudolph-Tabelle, →Prognoseschwimmen

Im Leistungssport verbindet man Prognose zumeist mit Vorhersagen von Zeiten und Platzierungen bei Hauptwettkämpfen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften (→Leistungsprognose). Dabei erfordern Trainings– und Wettkampfplanung ständig eine Orientierung auf der Grundlage solider Analysen des Ist-Zustandes. Wie zum Beispiel die Vorhersage des Sportmediziners, wann der verletzte Athlet wieder an Wettkämpfen teilnehmen kann bis zu umstrittenen Wettstrategien bei Pferderennen. Die Aussagekraft von Prognosen verringert sich mit zunehmender Zeitdauer. So haben die von Orthuber & Rüdel (1978) vorausgesagten Schwimmweltrekorde bis zum Jahr 2000 die Prognose um 9,7% verfehlt, während kurzfristige Prognosen bei 0,8% lagen (Rudolph 2001; Grechannikov 2001). Ebenso schwindet die Zuverlässigkeit der Voraussagen mit zunehmender Komplexität der Zielgröße. So ist die Prognostizierbarkeit sportmotorischer Leistungen im Kindes- und Jugendalter ohne die Beachtung des Entwicklungsprozesses kritisch zu sehen (u.a. Alves et al. 2014). Kurzfristige Leistungsvorhersagen auf der Basis von Werten aus der Leistungsdiagnostik sind hingegen Bestandteil leistungssportlicher Trainingssteuerung. Zum Beispiel sagten Toussaint & Truijens (2004) aus den drei biomechanischen  Leistungsfaktoren Vortriebserzeugung, Wasserwiderstand und Vortriebseffizienz den individuellen Leistungsbedarf für den Weltrekord über 50m Freistil voraus. Der erfahrene Trainer sagt aus den Ergebnissen des Stufentests die Leistung beim nächsten Wettkampf voraus.

Da bereits die Messung der Daten mit einem gewissen Maß an Unsicherheit und Ungenauigkeit verbunden ist, werden zunehmend multifaktorielle Modelle angewandt, die den komplexen und dynamischen Trainingsprozess hinreichend abbilden (z.B. Neuronale Netze, Haar 2011, Edelmann-Nusser et al. 2001; Rough Set Theory (Grobe Logik), Lewis & Bihn (2014); sozio-ökonomisches Modell maschinellen Lernens zur Vorhersage der Verteilung von Olympiamedaillen, Schlembach et al. 2021).

„Der Mensch ist das einzige Wesen, das eine Zukunft hat und dieses auch weiß. Das Hirn ist eine Differenzmaschine, die permanent kurzfristige Vorteile mit langfristigen Strategien abwiegt, Risiken mit Chancen, Optimierungen mit Aufwänden vergleicht. Der Mensch ist ein Zukunfts-Produzent, ob er das weiß und will oder nicht, produziert er durch sein Verhalten, seine kognitiven Fähigkeiten ständig eine „prognostische Schleife” – Matthias Horx (1955*) deutscher Publizist und Trendforscher.

Exkurs: Tagtäglich schwirren uns Prognosen aus der Politik, der Wirtschaft, dem Wetter bis zu Fußballergebnissen um die Ohren. Die autoritären Bewegungen in vielen Ländern (typische Beispiele Brexit, AfD und Trump) sind auch gegen die Eliten in Wissenschaft, Politik und Medien gerichtet, die uns die Welt erklären wollen, eine Welt, die sie selbst nicht mehr verstehen. Mit einer großangelegten Studie gelangte der amerikanische Psychologieprofessor Tetlock zu dem Ergebnis, dass die politischen Experten im Durchschnitt „so treffsicher sind wie ein Schimpanse, der mit Pfeilen auf eine Dartscheibe wirft“. Besonders unsicher sind Prognosen, wenn bei den „Experten“ das eigene Ego mit auf dem Spiel steht. Ihre Scheinsicherheit lebt aber davon, dass uns ein selbstbewusstes Ja oder Nein näher ist als jedes Vielleicht. Die Experten müssen sich selten an der Wirklichkeit messen lassen. Zweifel werden bei Talkshows in den „Skat gedrückt“ („Faktencheck“). Deshalb fordert Tetlock eine „evidenzbasierte Prognostik“, die zur Versachlichung der polarisierenden Debatten führen könnte. Es bleibt aber dabei: „Das Denken in Wahrscheinlichkeiten setzt die Erkenntnis voraus, dass sich die Ungewissheit nicht beseitigen lässt“ (Tetlock & Gardner, 2016). (nach einem Beitrag von Tobias Becker „Anleitung zum Wahrsagen“, DER SPIEGEL 33/2016, S. 124/125).

 „Vor Prognosen soll man sich unbedingt hüten, vor allem vor solchen über die Zukunft.“ Mark Twain (1835-1910) US-amerikanischer Schriftsteller


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