Begriff: Trainingswissenschaft
Trainingswissenschaft
Trainingswissenschaft (science of training), Disziplin der Sportwissenschaft, die sich mit den allgemeinen Zusammenhängen in Training und Wettkampf im Sport beschäftigt. Sie hat vorrangig den Charakter einer angewandten Wissenschaft und stützt sich auf Erkenntnisse der Medizin, Biomechanik, Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Ihre handlungsorientierte Komponente ist die Trainingslehre. Ihr Bezugspunkt ist die „Bewährung in der Praxis“ (Joch, 1995, S.95). „Wenn die Trainingsforschung so weitergeht wie bisher, läuft das Fachgebiet Gefahr, nicht nur den Bezug zur Realität zu verlieren, sondern auch zunehmend irrelevant für diejenigen zu werden, denen es helfen will.“ (Anyadike-Danes et al. 2023, S.2505). „Inzwischen hat sich der Diskurs im Leistungssport zunehmend zugunsten empirischer Evidenz verschoben. Trainingswissenschaftliche Studien, Metaanalysen und systematische Reviews gelten als zentrale Referenzpunkte professionellen Handelns. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, vereinfachende Annahmen zu hinterfragen, methodische Standards zu etablieren und die Qualität sportwissenschaftlicher Argumentation zu erhöhen. Zugleich zeigt sich jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen dem Anspruch wissenschaftlicher Steuerbarkeit und der erlebten Realität des Trainingsalltags. Trainerinnen und Trainer berichten übereinstimmend, dass Trainingsprozesse selten den prognostizierten Verläufen folgen, dass identische Belastungen zu unterschiedlichen Anpassungen führen und dass relevante Entscheidungen häufig unter Bedingungen getroffen werden müssen, die empirisch nur unzureichend abgebildet sind. Diese Diskrepanz ist kein Zufall und kein Ausdruck mangelhafter Wissenschaft oder unzureichender Praxis. Sie verweist vielmehr auf ein grundlegendes epistemisches (erkenntnisbezogenes) Problem: Trainingsprozesse im Leistungssport werden zu häufig als lineare, mechanistische Systeme gedacht, obwohl sie in Wirklichkeit hochkomplexe, offene und dynamische Anpassungsprozesse darstellen. Eine solche Fehldeutung führt zwangsläufig zu überhöhten Erwartungen an Wissenschaft, zu einer problematischen Delegation von Verantwortung und zu einer Unterschätzung erfahrungsbasierter Kompetenz.“ (Sandig, D. & Lange, H. (2026). →Theorie und Praxis-Verhältnis
Exkurs: Wenn in der A-Lizenz-Ausbildung (→Trainerlizenz) die erfolgreichsten Trainer ihre Erfahrungen vermitteln, dann ist das gut und wichtig, aber diese Erfahrungen sind in der Regel nicht wissenschaftlich belegt. Oder stimmt hier der Aphorismus „Wer Wissen schafft, macht Wissenschaft“? Andererseits kann eine wissenschaftliche Studie an Hand einer Gruppe von Studenten alle Gütekriterien wissenschaftlicher Aussagen erfüllen, ist aber gegebenenfalls in ihrer Aussagefähigkeit zum Leistungssport begrenzt. Der Trainer steht also immer vor der Aufgabe, viele Informationen aufzunehmen, zugleich aber auch deren Grenzen abzuschätzen. Schließlich ist auch:
„Wissenschaft nur der neueste Stand bewiesener Irrtümer“ (Aphorismus von Tenzer, dt. Philosoph).
- Pfeiffer, M. (2020). Trainingswissenschaft in 60 Minuten. Tübingen: UVK. Zugriff am 05.05.2022 unter https://www.narr.de/trainingswissenschaft-in-60-minuten-53080-2/
- Ferrauti & Wiewelhove (Hrsg.). Trainingswissenschaft für die Sportpraxis. Lehrbuch für Studium, Ausbildung und Unterricht im Sport. (2025). Berlin: Springer Spektrum. Zugriff am 14.03.2026 unter https://doi.org/10.1007/978-3-662-69524-1
Schlagwörter für diesen Suchbegriff:
Neue Suche
