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Begriff

Theorie-Praxis-Verhältnis

Theorie-Praxis-Verhältnis (theory-practice relationship), das Verhältnis von Ideen und ihrer Verwirklichung. Die Theorie für den Trainer ist integriert in die Sportwissenschaft. Sie wird durch deren Studium und/oder durch die Ausbildung im DOSB vermittelt (→Trainerausbildung). Die Praxis ist an das Training und die Organisationsformen des Sports (Verein, Verband) gebunden. Dabei bewegen sich  „Lernen und Entwicklung in einen Kreislauf von der Praxis zur Theorie und wieder zurück zur Praxis, und sie schrauben sich dabei von einem niedrigen Wissensstand in immer höhere Dimensionen“ (Lind, 2001). Die Praxis steht keineswegs im Dienste einer oder mehrerer Theorien, sondern ist in erster Linie das Resultat von vorangehenden Überlegungen, die den Grundstein für optimale Lernbedingungen für Athleten legen sollen.

„Theoriegeleitetes Denken kann durchaus im Dienste der Praxis stehen, ja es ist sogar für die Vervollkommnung des didaktisch-methodischen Handelns in der Praxis eine Notwendigkeit, denn: Wer von Zeit zu Zeit die Praxis nicht überdenkt (‹reflektiert›), wird sie kaum je vervollkommnen können. Und das, was dabei an Erkenntnis und gesammelter Substanz herausschaut, nennen wir «reflektierte Praxis». Im Sinne einer Praxisanleitung können dann diese Leit- und Lehrsätze (→Trainingsprinzipien) mit dazu beitragen, die eigene Praxis reflektierend gezielter zu evaluieren. Sie ist in zweiter Linie ein ständiger Prozess, in dem einerseits geeignete didaktische Modelle angewendet und ausprobiert, andererseits auch immer sofort die Wirkung derselben beurteilt werden muss. Schließlich sind in der Praxis stets theoretische Kenntnisse nötig, um die Ergebnisse zu verbessern“ (Hotz, 2001).

Exkurs: Im Verhältnis von Theorie und Praxis, hier konkret Sportwissenschaft und Trainingspraxis, bestehen gegenwärtig noch erhebliche Defizite, obwohl beide Seiten von einer Zusammenarbeit profitieren können. Hohmann & Lames (2007) verweisen auf die „Win-win-Situation“ für beide Bereiche bei der Praxisberatung durch die Trainingswissenschaft. Die Diskrepanz zwischen „Elfenbeinturm und Sportplatz“ (Heuer, 1988) ist aber noch nicht behoben (Schnabel & Krug im Vorwort zur 11. Auflage der „Trainingslehre-Trainingswissenschaft“ (2007). Trainer wie Sportwissenschaftler sind aufgefordert, im Interesse der vielen ungeklärten Fragestellungen des Leistungssports aufeinander zuzugehen und die althergebrachte Gegenüberstellung von Theorie und Praxis abzubauen, die Aphoristiker wie folgt beschreiben: „Praxis ist, wenn man nichts weiß, aber alles funktioniert. Theorie ist, wenn man alles weiß, aber nichts funktioniert“. Erfolgreiche Trainer haben durch hohe fachliche Qualifikation gepaart mit praktischer Erfahrung, durch die Nutzung der Angebote des wissenschaftlichen Verbundsystems, das sie kreativ auch immer wieder fordern, die Einheit von Theorie und Praxis verinnerlicht (Rudolph, 2007). Girard & Brocherie (2025) empfehlen „forschungsintegrierte Trainingslager“, um Interventionen mit Sportlern und Trainern statt an ihnen durchzuführen und so evidenzbasierte Trainingsstrategien (Wissenstransfer) zu unterstützen und/oder neue umsetzbare Erkenntnisse zu liefern (Wissensproduktion).

„Inzwischen hat sich der Diskurs im Leistungssport zunehmend zugunsten empirischer Evidenz verschoben. Trainingswissenschaftliche Studien, Metaanalysen und systematische Reviews gelten als zentrale Referenzpunkte professionellen Handelns. Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, vereinfachende Annahmen zu hinterfragen, methodische Standards zu etablieren und die Qualität sportwissenschaftlicher Argumentation zu erhöhen. Zugleich zeigt sich jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen dem Anspruch wissenschaftlicher Steuerbarkeit und der erlebten Realität des Trainingsalltags. Trainerinnen und Trainer berichten übereinstimmend, dass Trainingsprozesse selten den prognostizierten Verläufen folgen, dass identische Belastungen zu unterschiedlichen Anpassungen führen und dass relevante Entscheidungen häufig unter Bedingungen getroffen werden müssen, die empirisch nur unzureichend abgebildet sind. Diese Diskrepanz ist kein Zufall und kein Ausdruck mangelhafter Wissenschaft oder unzureichender Praxis. Sie verweist vielmehr auf ein grundlegendes epistemisches (erkenntnisbezogenes) Problem: Trainingsprozesse im Leistungssport werden zu häufig als lineare, mechanistische Systeme gedacht, obwohl sie in Wirklichkeit hochkomplexe, offene und dynamische Anpassungsprozesse darstellen. Eine solche Fehldeutung führt zwangsläufig zu überhöhten Erwartungen an Wissenschaft, zu einer problematischen Delegation von Verantwortung und zu einer Unterschätzung erfahrungsbasierter Kompetenz.“ (Sandig, D. & Lange, H. (2026)

  „Einst trug es sich zu, dass da zwei Männer waren, sehr unterschiedlich in der Art und einander wenig zugetan. Der eine hat sein Leben lang Bücher gelesen, Wissen aufgesaugt, bis er dann so weit war, dieses weiterzugeben und zu mehren. Der andere war von Kindheit an Bastler, einer der mit seinen Händen verändern und gestalten wollte. Beide lebten lange Zeit glücklich, aber eines Tages sahen sie sich am Ende ihrer Bemühungen. Der Gelehrte war unzufrieden, weil er fühlte, zwar immer mehr zu wissen, aber nichts zu bewegen. Der Praktiker war des Versuchens und Irrens müde und die unbeantworteten Fragen häuften sich. Unbefriedigt über diesen Zustand trieb es beide in den Gasthof, um beim Bier die Sorgen zu vertreiben. Und da nur noch ein Tisch frei war, waren sie in ihrem Kummer vereint. Da aber der Wissen-schaffende immer auf den Hand-werkenden herabgesehen hatte und dieser wiederum eine gemeinsame Sprache vermisste, starrten beide längere Zeit trübsinnig in ihr Bierglas, bis der Alkohol die Zungen löste. Und mit ihm lösten sich viele Fragen und Probleme, die beide seit Längerem belasteten. Es war bereits Polizeistunde, als beide zufrieden und ein ganzes Stück schlauer das Gasthaus verließen. Sie waren glücklich, obwohl sie noch gar nichts von einer „Win-win-Situation“ wussten“ (Rudolph 2007, S.22)

„Um schwimmen zu lernen, muss ich ins Wasser gehen, sonst lerne ich nichts.“ August Bebel (1840-1913) deutscher Politiker

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Quellen

  • Girard & Brocherie (2025). The benefits of research-embedded training camps in sport. International Journal of Sports Physiology and Performance, 20 (10), 1458-1462. Zugriff am 24.09.2025 unter https://doi.org/10.1123/ijspp.2024-0378 DOI Zur Quelle
  • Heuer, H. (1988). Motorikforschung zwischen Elfenbeinturm und Sportplatz. In Daugs, R.(Hrsg.): Neuere Aspekte der Motorikforschung. Dvs, 52-69 Zur Quelle
  • Hohmann & Lames (2007). Praxisberatung in der Trainingswissenschaft. Leistungssport 2/2007, 4-8 Zur Quelle
  • Hotz, A. (2001). Die Praxis zurückbiegen? Mobile- Fachzeitschrift des Sports, 1/2001, 6 Zur Quelle
  • Lind, G (2001). Von der Praxis zur Theorie – eine Neubestimmung der Funktion der Praxis für die Lehrerbildung. Uni Konstanz (www.uni-konstanz.de/ag-moral/b-publik.htm) Link Zur Quelle

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Überarbeitet am 19. August 2026Autor: Klaus Rudolph

Zitiervorschlag

Rudolph, K. (2026). Theorie-Praxis-Verhältnis. In: Schwimmlexikon. https://schwimmlexikon.de/theorie-praxis-verhaeltnis/ (abgerufen am 2. November 2026).