Individualisierung

20. Dezember 2020 I 0

Individualisierung (individualization), von lat. individuum „Unteilbares, ‚Einzelding“; in der Soziologie der Übergang des Menschen (→Individuum) von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Der deutsche Philosoph und Pädagoge Herbart erklärte bereits 1807, dass die Verschiedenheit der Köpfe beim Lernen in Gruppen Differenzierung unverzichtbar macht. Das setzt voraus, den Schüler nicht als Objekt zu sehen, sondern als Subjekt zu achten. Individuelle Förderung sollte darauf abzielen, jedem Schüler die Chance zu geben, sein Potential umfassend zu entwickeln. In der Schule wie auch im Leistungssport macht die Gleichheit der Aufgabe (Zensuren, sportliche Höchstleistungen) durch die tatsächliche Ungleichheit der Individuen differenziertes (individuelles) Vorgehen notwendig (vgl. Hintz et al. 2001). Die moderne Gesellschaft hat eine enorme Individualisierungsdynamik erfahren, einmal durch die zunehmende Individualisierung von Bildungsprinzipien, zum anderen durch die Mediatisierung der Lebenswelten (Thiel, A. 2020).

Im Leistungssport ist Individualisierung ein pädagogisch-didaktisches Prinzip, wonach das Handeln auf die Leistungsvoraussetzungen des einzelnen Sportlers ausgerichtet ist, um die individuell höchstmöglichen Leistungen zu erzielen. Als Prinzip der zunehmenden Individualisierung ist sie maßgeblicher Bestandteil des Trainingsprozesses. Während im Grundlagentraining und Aufbautraining noch nach Gruppenplänen trainiert, im Rahmen der Belastungsfaktoren aber bereits auf die unterschiedlichen Fähigkeiten des Schwimmers eingegangen wird, dominiert ab Anschlusstraining die individuelle Trainingsplanung mit dem Ziel, die individuellen Stärken (→Talent) zu erkennen und zu fördern.

Unter soziologischem Aspekt macht die Tendenz der zunehmend individualisierten Handlungsstrukturen in der Gesellschaft auch vor dem Sport nicht halt und demontiert die traditionellen sozialen Strukturen (→Verein versus Fitnessstudio usw.). Auch im Sportschwimmen besteht durch die „Ansammlung von Einzelkämpfern“ (→Individualsportart) und die besondere Förderung der Einzelleistung (→Sponsoring) die Gefahr der Entfremdung von der Gruppe. Hier ist der Trainer aufgefordert, die sozialen Elemente des Leistungssports (→Lehrgänge, →Mannschaftswettkämpfe) zu nutzen. Letztlich sind die hohen Dropout-Raten auch ein Zeichen des Verlusts an Bindungsintensität zur Trainingsgruppe oder zum Verein.

Je höher die sportlichen Ziele sind, umso mehr müssen die Fähigkeiten des einzelnen entwickelt und gefordert werden. Das betrifft besonders den Hochleistungssport. Somit wurde neben Spezialisierung und Professionalisierung die Individualisierung als ein Wesensmerkmal des modernen Leistungssports betont. Für Leistungsschwimmer kann das begründet werden (Rudolph, 2015, S.17), weil sie

  • durch ihre Veranlagung und den bisherigen Trainingsaufbau unterschiedliche Leistungsvoraussetzungen mitbringen,
  • sich durch die Spezialisierung auf unterschiedliche Wettkampfstrecken vorbereiten,
  • entsprechend ihres Alters und Leistungsniveaus die Teilnahme an unterschiedlichen Wettkämpfen anstreben (JEM, nur DM bis EM/WM…),
  • unterschiedliche Trainings- und Wettkampferfahrung sowie Stabilität aufweisen,
  • unterschiedlichen Förderstrukturen (Kaderkreise, Auswahlmannschaften usw.) angehören,
  • unterschiedliche Ausbildungswege gehen (Schule, Studium, Beruf) und
  • unterschiedlich sozial gebunden sind (Dominanz Elternhaus, Freundschaften, Familiengründung usw.).

Fordere am Ende einer Trainingseinheit ein kurzes Feedback Deiner Sportler zur erfahrenen Belastung (→Beanspruchung).  Und vergiss bei aller Individualisierung nicht: der Mensch ist ein „Herdentier“. Also nutze die soziale Kraft Deiner Trainingsgruppe, denn unser Gehirn ist „weniger ein Denk- als vielmehr ein Sozialorgan“ (Hüther, 2001).

„Lisa ist zu groß, Anna zu klein, Emil zu dünn, Fritz zu verschlossen, Flora ist zu offen, Emilie ist zu schön, Erwin ist zu hässlich, Paul ist zu dumm, Sabine ist zu clever, Traudel ist zu alt, Theo ist zu jung.

Jeder ist irgendetwas zu viel. Jeder ist irgendetwas zu wenig. Jeder ist irgendwie nicht normal.

Ist hier jemand, der ganz normal ist? Nein, hier ist niemand, der ganz normal ist. Das ist normal.“  (Hermann-Josef Kuckartz, Dipl. Verw. W.)

Exkurs: „Es dauert mehrere Jahre, bis ein Coach verstanden hat, wie bestimmte Schwimmer am besten auf das Training reagieren (Maglischo 1993, Colwin 1995). Jeder einzelne Schwimmer wird nicht nur auf einen bestimmten Trainingsreiz unterschiedlich reagieren, sondern auch sehr persönliche Ziele für Training und Wettkampf haben. Der Coach muss diese Faktoren berücksichtigen, wenn er als effektiv angesehen werden will. Die Anpassung des Coachingprozesses an die Bedürfnisse der einzelnen Schwimmer und unter Berücksichtigung von Alter und Reife, dem Grad der bisherigen Ausbildung und Erfahrung sowie dem aktuellen Kenntnisstand sollte dazu beitragen, herausfordernde, aber realistische individuelle Leistungsziele zu erreichen. Ein solcher Ansatz sollte zu einem für jeden einzelnen Schwimmer spezifischen Trainingsmodell führen, unabhängig von Status, Alter, wahrgenommenem Potenzial oder Bevorzugung“. N. Cross, Universität Edinburgh (https://pdfs.semanticscholar.org/fa39/b4a2d27adb3b993a1d1d6116f431df52c2c9.pdf – Zugriff 5.09.2019)

Mehr zum Thema:

  • Thiel, Gropper & Mayer (2018). Individualisierung und Nachwuchsleistungssport. Die Lebenswelt Heranwachsender als Herausforderung. Leistungssport (48)2, 10-15
  • Jayasundara, M. (2020). Effektive individuelle Reizsetzung im Schwimmtraining: Ideen und Anregungen für die Praxis. DSTV-Reihe, Bd. 45, 45-62

 

 

 


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