Relativer Alterseffekt (RAE)

05. Juli 2017 R 0

Relativer Alterseffekt (RAE) (relative age effect), Phänomen, dass die früher Geborenen häufiger unter den Leistungsträgern einer Sportart zu finden sind als relativ Jüngere, was zusätzlich durch auf Leistungsauswahl beruhende Fördermaßnahmen bestärkt wird. Die relativ Jüngeren haben somit geringere Chancen, in Auswahlmannschaften, Leistungsgruppen oder Klassen der Sportschulen zu kommen, wobei die Begabung für eine Sportart kaum vom Geburtsdatum abhängig sein dürfte (Lames & Augste, 2009). Da im Nachwuchstraining der meisten Sportarten Förderung und Wettkämpfe auf Jahrgangsbasis betrieben werden, handelt es sich hierbei um ein grundsätzliches Problem. Im Fußball geht man davon aus, dass bis zu 15-20% an Talenten aus dem letzten Quartal verloren gehen, während bei Spielern aus dem ersten Quartal etwa 25% gefördert werden, die keine Perspektive haben.

Es gibt aber auch Studien, die das Gegenteil nachweisen, da bei den über 15-Jährigen die relativ jüngeren überrepräsentiert waren. Die Autoren begründen das damit, dass die Jüngeren zur Kompensation der körperlichen Nachteile bessere taktische und technische Fertigkeiten ausbilden müssen (Schorer et al. 2009) und wohl auch lernen, verbissener um ein Ziel zu kämpfen.

Im Rahmen einer umfangreichen Studie im englischen Schwimmverband konnte Neuloh (2009) bei 8411 Schwimmern im Alter von 9-16 Jahren signifikante Leistungsunterschiede über 100m Freistil zwischen früh (erste Jahreshälfte) und spät (zweite Jahreshälfte) geborenen nachweisen. Bei den 17-18Jährigen war der Unterschied bereits nicht mehr signifikant. Auch beim Jugendmehrkampf des DSV sind 87% der Teilnehmer im ersten Halbjahr geboren, während in Deutschland die Geburten über das Jahr annähernd gleich verteilt sind, ebenso bei den Finalläufen zur Weltmeisterschaft 2009 im Verhältnis 49% (Januar bis Juni) zu 51% (Juli bis August) (Rudolph, 2011). Bei Kindern ist aber die Abhängigkeit der Wettkampfleistung vom Geburtsmonat offensichtlich. Welcher Trainer ist nun so mutig (und kaltschnäuzig) auf der Grundlage dieser Erkenntnis den leistungsschwächeren, aber kalendarisch jüngeren Schwimmer gegenüber dem leistungsstärkeren, aber älteren bei der Aufnahme in die Leistungsgruppe zu bevorzugen und dies gegenüber Eltern und Funktionären zu begründen? Und das alles bei der Unsicherheit, die immer noch die Talentprognose begleitet.

Abb.: Geburtenverteilung in Deutschland pro Monat in % der Jahressumme 2007 (n=682/713) und bei den Jungen der AK 13 (JMK)

 

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“ Kapitel 13, Vers 12 des Matthäusevangeliums (Gleichnis von den anvertrauten Talenten)


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