Lehren

01. März 2020 L 0

Lehren (teaching), allgemein das Vermitteln von→Fähigkeiten und Kenntnissen an Lernende (unterrichten). Im Sprachgebrauch wird aber oft zwischen den Institutionen unterschieden. An Schulen unterrichtet der Lehrer im Unterricht. An Universitäten lehrt der Dozent im Rahmen von Lehrveranstaltungen. Wenn in eine bestimmte Tätigkeit unterwiesen wird, so bringt man jemandem etwas bei. Der Schwimmanfänger lernt das Schwimmen aber beim Schwimmlehrer und nicht beim „Schwimmbeibringer“. Jahre später heißt sein Lehrer Trainer (Ausnahme Fußballehrer), der ihn Schwimmtechnik und Trainingsmethodik lehrt. Dabei stützt er sich auf die Trainingslehre. Sein Wissen erweitert er in Fortbildungen, die von Lehrreferenten geleitet werden. Doch die Wortspielerei bringt uns nicht weiter, inzwischen wird allerorts „trainiert“. Machen wir im falschen Deutsch weiter und fragen „Was lernt uns das?“

Die bislang gebräuchliche Vereinfachung „Lehrer lehrt und Schüler lernt das Gelehrte“ hat sich im Verlaufe des 20. Jahrhunderts durch den Einfluss der Instruktionspsychologie gewandelt, indem mehr der Lernende mit seinem eigenen Lernprozess in den Fokus gerückt ist. Das ist zwar nicht neu, aber nun wissenschaftlich untermauert. Schon Heraklit erkannte, dass Lehren nicht heißt, ein Fass zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden. Womit Lehren sich deutlich von Konditionierung, Unterweisung, Manipulation oder Indoktrination abgrenzt (→Führungsstil, autoritärer). Das trifft auch auf die Trainingspraxis zu, da die Tätigkeit des Trainers über die eines Instruktors hinausgeht. Das Bewegungskönnen des Hochleistungssportlers wird durch einfache Wissensvermittlung nicht ausgebildet. Das sportliche Talent zeichnet sich dadurch aus, dass es die Hinweise (Lehren) des Trainers in vollendete Technik umsetzt, quasi veredelt.

Wir sollten einige Erkenntnisse beachten, die für ein erfolgreiches Lehren nützlich sind:

  • Wissen kann nicht einfach übertragen werden; es muss im Gehirn eines jeden Schülers/Sportlers neu gebildet werden,
  • Wissen wird nur optimal angenommen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen (Interesse und Motivation, Ausstrahlung und Glaubwürdigkeit des Trainers („Der erste Schritt zum Lernen ist die Liebe zum Lehrer“. Erasmus von Rotterdam), Berücksichtigung des geistigen wie körperlichen Ausbildungsstandes usw.)
  • Beachtung des emotionalen Zustandes (Die unmittelbar einer Niederlage folgende Analyse noch am Beckenrand ist „für die Katz“).
  • Vermittle das Gefühl von Zugehörigkeit, respektiere andere Meinungen: lehre auf Augenhöhe.
  • Verabschiede Dich von der Expertenrolle und gehe über zur Mittlerrolle (Stangl, 2017). →Lernen, differenzielles

„Das im klassischen Vorgehen der Traineraus– und -fortbildung häufig im Zentrum stehende Lehren hat nur eine begrenzte Wirkung. Austausch, Auseinandersetzung und vor allem praktisches (Trainer-)Handeln sind wirkungsvoller und für die Entwicklung von Trainerkompetenzen unverzichtbar – dies kann und muss umfangreicher in strukturierte Lernsituationen einbezogen werden. Der größte Bereich lässt sich nur sehr begrenzt in Lehrgangssituationen im engeren Sinne umsetzen – allerdings sind die Lernenden darauf vorzubereiten, dafür zu befähigen und zu motivieren, im Sinne eines lebenslangen Lernens. Spitzentrainer machen das.“ (Nordmann & Oltmanns 2016).

„Die Qualität der Bewegungs-ausführung im Rahmen des Techniktrainings wird wesentlich durch die Güte des getimten Bewegungsgefühls, also des gestalteten sportartspezifischen Gleichgewichts, bestimmt, doch dies verhaltenswirksam zu lehren, ist wesentlich anspruchsvoller als der traditionellen Methode des Vorzeigens von Fertigkeiten zu folgen: „Das Herz ist mein Auge!“ war das Leitmotiv des Schweizer Malers Ferdinand Hodler (1853-1918)“  (Hotz 2015).

 

Exkurs: Im Studium und später zu Fortbildungen und Konferenzen habe ich manchen Referenten erlebt (oder erduldet), der meinte rhetorisch zu glänzen, indem Fremdworte die deutsche Sprache verdrängten und prinzipiell in der Originalsprache zitiert wurde. Ein Feuerwerk an Wissen! Die Zuhörer waren beeindruckt, gelernt haben sie nichts, da sie nichts verstanden haben. Sie waren Zeuge der geistigen Selbstbefriedigung eines Professors. Die Wirkung ist die Gleiche, wie die der verstaubten Klassiker in der oberen Regalreihe des Bildungsbürgers.

 „Man soll Denken lehren, nicht Gedachtes.“ Cornelius Gustav Gurlitt (1850-1938) dt. Kunsthistoriker

Mehr zum Thema:

  • Reischle & Kandolf (2015). Wege zum Topschwimmer, Bd.1. Hofmann-Verlag, Kap. 4.2 Lerntheorien und Kap. 8.2 Infotainment
  • Hotz, A. (2016). „DAS HERZ IST MEIN AUGE!“ Reflexionen zur Gestaltung der Präsentationsform der Leistung, denn letztlich ist alles eine Frage der Koordination. Leistungssport (45)3, 52-55 (https://www.iat.uni-leipzig.de/datenbanken/iks/open_archive/ls/lsp15_03_52_55.pdf – Zugriff 1.03.2020)

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