Angst

16. März 2017 A 0

Angst (anxiety), ein durch eine direkte oder eingebildete Bedrohung ausgelöster, zumeist leistungsmindernder und somit negativer Erregungszustand (→Emotion), wobei die willens- und verstandesmäßige Steuerung weitgehend aufgehoben ist. Stammesgeschichtlich verwurzelt veranlasst die Angst zur Flucht („Angst verleiht Flügel“) oder zum Vermeiden gefährlicher Situationen (Verletzung bis Tod). Sie kann aber auch als lustvoll erlebt werden (→Extremsport). Oft wird Angst synonym mit Furcht verwendet, obwohl diese sich mehr auf konkrete Situationen bezieht und folglich besser abgebaut werden kann. Die Spanne der Ängste reicht von einfachen Unsicherheiten über Zwänge, Paniken bis Psychosen. Es werden Existenzängste, soziale Ängste und Leistungsangst unterschieden.

Symptome: erhöhter Puls, Anstieg des Blutdrucks, schnelle Atmung bis hin zur Atemnot, trockener Mund, veränderte Mimik, Blässe oder Erröten, Schwitzen, Zittern, Schwäche, Schwindelgefühl, Durchfall, Harndrang und Übelkeit sowie eventuell auch Wahrnehmungsstörungen oder Ohnmacht. Eine Megaanalyse von Studien aus dem Wettklampfsport zeigte starke Assoziationen zwischen Konkurrenzangst und weiblichem Geschlecht, niedrigerem Alter und geringerer Erfahrungszeit (Vedovato & de Lima 2018). Fortes et al. (2017) wiesen bei Schwimmern einen Zusammenhang zwischen Herzfrequenzvariabilität und Wettkampfangst nach.

Im Schwimmsport begegnet uns die ganze Palette von Angstzuständen, in der Anfängerausbildung als „Gefahrenschutzeffekt“ (Angst vor Wasser) oder später als objektbezogene Furcht (Angst vor Wettkampf). Besonders die erste Begegnung mit dem Wasser in einem Schwimmbecken kann zahlreiche primäre Ängste auslösen (Unbekanntes, Orientierungsschwierigkeiten, Luftmangel, Augenbrennen durch Chlor usw.). Der ängstliche Sportler wirkt verkrampft, verlässt taktische Konzeptionen, Technikfehler schleichen sich ein. Das Übel liegt dann weniger im Wettkampf, sondern mehr im Training (→Trainingszustand, →Kondition). Tu erst etwas und dann zeige, was du kannst. Zur Vermeidung von Angst sind Medikamente und Alkohol die falschen Helfer. Der Trainer sollte pädagogische Maßnahme im sozialen Spannungsfeld des Sportlers bevorzugen. Bei Berücksichtigung des intellektuellen sowie psychophysischen Entwicklungsstandes des Sportlers helfen folgende Maßnahmen Angst abzubauen (Baumann, 2006, S.258 ff):

  • verknüpfe Neues mit Bekanntem, das schafft Selbstvertrauen und eine stabile Lerngrundlage
  • vermeide zu große Hindernisse, indem du vom Einfachen zum Schwierigen gehst (erst muss Einzelbewegung beherrscht werden, bevor zur Gesamtbewegung übergegangen wird)
  • differenziere im methodischen Vorgehen in Deiner Gruppe nach Leistungsunterschieden, Alter, Reife oder Geschlecht.
  • Verzichte auf persönliche Kritik, suche positive Ansätze, organisiere Erfolgserlebnisse
  • Mache dein Training transparent, schaffe strukturierte Lernbedingungen
  • Schlechte Leistung ≠ schlechter Sportler, Verlieren (→Versagen) gehört zum Sport
  • Angst darf eingestanden werden
  • In der Gruppe kann der Einzelne Angst besser „abladen“ (entsprechendes Gruppenklima vorausgesetzt)
  • Körperkontakt kann Angst mindern, von der Hilfestellung bis zum beruhigenden Armauflegen
  • Deine Sportler sollten sich in Deiner Nähe geborgen fühlen, Vertrauen ist dabei die Grundlage
  • Informiere deine Sportler umfassend (→Ziele, →Trainingsplanung, Wettkämpfe, →Gegner) und nehme ihnen so die Angst vor Unbekanntem
  • Zeige emotionale Wärme (Rücksichtnahme, Einsicht, Mitgefühl, Ruhe und Gesprächsbereitschaft)
  • Binde in vertretbaren Rahmen Ängstliche in der Gruppe an Nichtängstliche, es „färbt ab“
  • Stelle klare und begreifbare Aufgaben, die das Leistungsniveau des Sportlers berücksichtigen
  • Übe schrittweise die Konfrontation mit dem Publikum (vom Wettkampf in der Gruppe über Vereine….)
  • Achte auf das Umfeld des Sportlers, manche Wettkampfangst ist dem Leistungsdruck durch die Eltern geschuldet

Hinzu kommen noch eine Reihe somatischer (körperlicher) Verfahren zur Verminderung psychischer und physischer Erregungszustände (Aufwärmen vor dem Start als „psychischer Blitzableiter“), Visualisierungsprogramme, Kontrolle des Muskeltonus durch psychoregulative Verfahren, Biofeedbackverfahren bis zum  „positiven Denken“ (das aber immer auf realistischer Grundlage fußen muss).

Angst ist nur dann eine Krankheit, wenn sie unglücklich macht und verhindert, dass zu tun, was man tun will (Kagan, amerikanischer Psychologe, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/psychologie-stellen-sie-sich-ihren-aengsten-a-721984.html). Dann ist Hilfe durch einen →Psychotherapeuten angeraten. Auf die neurotischen Ängste (Phobien usw.) wird hier nicht eingegangen. →Angstgegner, →Ängstlichkeit, →Stress

 

„Man flieht nicht, weil man Angst hat, sondern man hat Angst, weil man flieht.“ William James (1842-1910) amerikanischer Psychologe

 

Exkurs: Mangelndes Wissen kann auch Ängste schüren. So wird bei manchem Sportler und Trainer im Laktat immer noch ein Abfallprodukt gesehen, das man unbedingt vermeiden sollte. Es wird allgemein angenommen, dass Laktatakkumulation immer die nachfolgende Leistung beeinträchtigt, indem es den anaeroben Energiebeitrag reduziert und die Muskelarbeit beeinträchtigt. Mehrere Experimente führten aber nach einem vorerhöhten Lakatatspiegel durch nicht-dominante Muskelgruppen (z.B. Aufwärmen) zu einer deutlich verringerten Netto-Blutlaktat-Zunahme von 30-50%. Diese Hemmung der Laktaktatproduktion reduzierte nicht, sondern verstärkte stattdessen die hochintensive Trainingsleistung bei allen dynamischen Arbeitsbelastungen, die länger als 60 s andauerten und verlagerte den Metabolismus zu einem dominanteren oxidativen Prozess (Hofmann et al. 2016). Erhärtet das die physiologische Begründung des extremen Trainings von Michael Andrew (→USRPT)?


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